Wein-Geister-Lesung 2018

Programm des ersten Halbjahres

Donnerstag, den 11. Januar 2018, 19.30 Uhr

Wein-Geister-Lesung mit Kerstin Preiwuß im Gewölbekeller der Ratsweinhandlung

Eine Provinzgeschichte über die großen Fragen des Lebens: Matuschek ist vierzig, als seine Mutter stirbt, mit der er das Haus teilte. Ohne ihre Fürsorge weiß er nicht, wie es weitergehen soll. Eine Frau hat er nicht und von dort, wo er wohnt, geht man weg, wenn man kann. Aber Matuschek ist einer, der bleibt, Bewohner des Hinterlands, einer längst von allen aufgegebenen Welt. Zum Glück gibt es Nachbarn. Igor, der Russe, wird zum Freund. Den alten Witt kennt er seit seiner Jugend.

Kerstin Preiwuß|Foto: Jorinde Gersina

Und dann sind da die Tauben, die Matuschekals Junge  bekam und seitdem züchtet. Brieftauben haben einen inneren Kompass und kehren stets nach Hause zurück. Das kann schon reichen fürs Leben. Als Matuschek Irina kennenlernt, winkt das Glück. Aber dann geht etwas schief und er beginnt von neuem.„Nach Onkalo“ zeigt eine Welt am Rand, in der sich die großen Fragen nicht weniger deutlich stellen: was einen zusammenhält und wie man glücklich wird. Matuschek stellt sich diese Fragen nicht, er will nur seinen Alltag meistern. Doch vielleicht befähigt ihn genau das zur Erkenntnis „ob das Leben die Mühe lohnt“.
„Lakonisch und zärtlich erzählt Kerstin Preiwuß vom Überlebenskampf ihres sprachlosen Protagonisten und zeigt uns die Welt der Abgehängten in Nahaufnahme.“ (Süddeutsche Zeitung)
Kerstin Preiwuß, geboren 1980 in Lübz (Mecklenburg) lebt als freie Autorin mit ihrer Familie in Leipzig. 2006 debütierte sie mit dem Gedichtband „Nachricht von neuen Sternen“, 2008 erhielt sie das Hermann-Lenz-Stipendium. 2012 erschien ihr zweiter Gedichtband „Rede“, der von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in die Liste der Lyrikempfehlungen des Jahres aufgenommen wurde. Zuletzt erhielt sie den Mondseer Lyrikpreis. 2014 erschien ihr vielbeachtetes Romandebüt „Restwärme“, 2016 ihr Lyrikband „Gespür für Licht“ im Berlin Verlag. Im Frühjahr 2017 veröffentlichte sie dort ihren zweiten Roman „Nach Onkalo“, mit dem sie auf die Longlist des Buchpreises kam. Kerstin Preiwuß ist Mitglied des P.E.N.

 

Dienstag, 6. Februar 2018, 19.30 Uhr

Wein-Geister-Lesung mit Sasha Marianna Salzmann im Gewölbekeller der Ratsweinhandlung

Sie sind zu zweit, von Anfang an, die Zwillinge Alissa und Anton. In der Zweizimmerwohnung im Moskau der postsowjetischen Jahre verkrallen sie sich in die Locken des anderen, wenn die Eltern aufeinander losgehen. Später, in der westdeutschen Provinz, streunen sie durch die Flure des Asylheims, stehlen Zigaretten aus den Zimmern fremder Familien und riechen an deren Parfumflaschen. Und noch später, als

Sasha Marianna Salzmann|Foto: Esra Rothoff

Alissa schon ihr Mathematikstudium geschmissen hat, weil es sie vom Boxtraining abhält, verschwindet Anton spurlos. Irgendwann kommt eine Postkarte aus Istanbul – ohne Text, ohne Absender. In der flirrenden, zerrissenen Stadt am Bosporus und in der eigenen Familiengeschichte macht sich Alissa auf die Suche – nach dem verschollenen Bruder, aber auch nach einem Gefühl von Zugehörigkeit jenseits von Vaterland, Muttersprache, Geschlecht.
Wer sagt dir, wer du bist? Davon und von der unstillbaren Sehnsucht dem Leben selbst und seiner herausfordernden Grenzenlosigkeit erzählt Sasha Marianna Salzmann in ihrem Debütroman „Außer sich“. Intensiv, kompromisslos und im besten Sinn politisch.
Sasha Marianna Salzmanns Debütroman „Außer sich“ stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2017. Im Kommentar der Jury heißt es: „Ein Debütroman mit großer sprachlicher und dramaturgischer Kraft: Vom postsowjetischen Moskau über ein Asylheim in der westdeutschen Provinz bis ins heutige Istanbul, erzählt Sasha Marianna Salzmann von den Umbrüchen und der Verbundenheit der Flüchtlings-familie Tschepanow. Vor allem erzählt sie aber sicher, perspektivenreich, humorvoll und mit großer Unbedingtheit von der jungen Generation dieser Heimat-Wanderer, die um die eigene Identität kämpft: sprachlich, politisch und sexuell. Für die persönlichen Träume dieser weltumspannenden Generation dekliniert sie das Scheitern an der Realität mit einem faszinierend eigenen Ton wieder neu.“
Sasha Marianna Salzmann studierte Literatur, Theater, Medien an der Universität Hildesheim sowie szenisches Schreiben an der Berliner Universität der Künste. Sie ist Theaterautorin, Essayistin und Dramaturgin und war Mitbegründerin des Kultur- u. Gesellschaftsmagazins freitext. Seit der Spielzeit 2013/ 14 ist sie Hausautorin am Maxim Gorki Theater Berlin und war dort bis 2015 künstlerische Leiterin des Studio R. Ihre Theaterstücke werden international aufgeführt und sind mehrfach ausgezeichnet.
„Die Dramatikerin Sasha Marianna Salzmann sprengt mit ihrem grandiosen Romandebüt „Außer sich“ die Grenzen von Ich und Welt.“ (FAZ)

 

Mittwoch, 14. März 2018, 19.30 Uhr

Wein-Geister-Lesung mit Gerhard Falkner im Gewölbekeller der Ratsweinhandlung

Kurt Prinzhorn ist zu einem Schriftstellertreffen nach Innsbruck eingeladen, wo ihm Merkwürdiges widerfährt: Jemand muss während seiner Abwesenheit ein ausgiebiges Schaumbad in der Wanne seines Hotelzimmers

Gerhard Falkner|Foto: Paul Englert

genommen und dort bewusst Spuren hinterlassen haben. Die Chipkartenschließanlage der Tür zeigt jedoch kein fremdes Eindringen an. Als nächstes verschwindet der Schlüsselbund des zunehmend ratlosen Autors. Während einer Moskau-Reise wenige Tage später kommt es zu neuen Unerklärlichkeiten, und auch in Madrid, wo Prinzhorn einer früheren Geliebten wiederbegegnet, reißt die Kette seltsamer Geschehnisse nicht ab – bis ihm durch Zufall das Puzzle der Erinnerung zu einem Bild zusammenfällt, das ihn weit in die eigene Biographie zurückführt. Am nächsten Morgen klingelt die Polizei an der Tür seiner Berliner Wohnung, denn unter dem Fenster von Prinzhorns Zimmer in Madrid wurde eine tote Frau gefunden.
„Gerhard Falkners Roman ,Romeo oder Julia’ ist ein virtuoses Spiel um Eros und Tod, Wahn und ein wenig Kunst.“ (Die ZEIT)
„,Romeo oder Julia’ ist nicht nur Literaturbetriebssatire, Liebesroman mit umgekehrten Vorzeichen, Krimi mit Schauerelementen, sondern auch ein moderner Gesellschaftsroman. Und vor allem sehr lustig.“ (NZZ)

Gerhard Falkner, geboren 1951, zählt zu den bedeutendsten Dichtern der Gegenwart. Er veröffentlichte zahlreiche Gedichtbände, u. a. „Hölderlin Reparatur“, für den er 2009 den Peter-Huchel-Preis erhielt, und zuletzt den Gedichtband „Ignatien“ (2014), mit Bildern von Yves Netzhammer. Für seine Novelle „Bruno“ bekam er 2008 den Kranichsteiner Literaturpreis. Er gehört zu den meistausgezeichneten deutschsprachigen Autoren mit Aufenthalten in der Villa Massimo und der Akademie Schloss Solitude. Er war 2013 der erste Fellow für Literatur in der neugegründeten Kulturakademie Tarabya in Istanbul und zuletzt, 2014, Stipendiat der Villa Aurora in Los Angeles, Kalifornien. Er lebt in Berlin und Bayern. Sein Roman „Apollokalypse“ wurde für den Deutschen Buchpreis 2016 nominiert, 2017 stand er mit „Romeo und Julia“ auf der Shortlist.

 

Mittwoch, 25. April 2018, 19.30 Uhr

Wein-Geister-Lesung mit Tilman Spreckelsen im Gewölbekeller der Ratsweinhandlung

„Nordseeschwur“ spielt im Jahr 1844, Tausende strömen zum großen Sängerfest nach Bredstedt bei Husum. Auch der Rechtsanwalt Theodor Storm und sein Schreiber Peter Söt wollen sich anschließen,

Tilman Spreckelsen|Foto: WB-Archiv

doch die Zeiten sind unwägbar, und Storm weiß, dass dort gefährliche politische Reden gehalten werden. Denn unter den Friesen regt sich Widerstand gegen die dänische Herrschaft über Schleswig und Holstein, was erbitterte Kontroversen zwischen Deutschen, Dänen und Friesen hervorruft, über die Spitzel bis nach Kopenhagen, Wien und Berlin berichten. Dann, mitten auf dem Fest, ein Mord. Wer ist darin verstrickt – etwa auch Storm selbst? Auf einmal tut sich in Husum soviel Schauerliches…. Der dritte Fall für Theodor Storm und Peter Söt ist nicht nur historisch spannend, sondern er zieht den Leser auch in den Sog des Nordens.
„Charmant und witzig skizziert Tilman Spreckelsen seinen Helden Storm als Ermittler wider Willen: Alles, scheint’s, interessiert ihn mehr, als seinem Beruf nachzugehen. Spreckelsen hat Freude an fiesen, feinen Überraschungen: Da wo der Leser politische Intrigen vermutet, entfaltet er plötzlich Liebesleiddramen – und umgekehrt. Nichts ist, wie man meint. Nur Husum, die vom Autor erkennbar so geliebte Schöne, bleibt die graue Stadt am Meer, wo sanft die Winde rauschen.“ (NDR Kultur)

Tilman Spreckelsen, geboren 1967, studierte Germanistik und Geschichte in Freiburg und ist heute als Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung tätig. Er hat verschiedene Anthologien ediert und ist Herausgeber der „Bücher mit dem blauen Band“ bei Fischer. Sein Kriminalroman „Das Nordseegrab“ wurde 2014 mit dem Theodor-Storm-Preis der Stadt Husum ausgezeichnet, mit den beiden Folgbänden „Der Nordseespuk“ und „Der Nordseeschwur“ setzte er den Erfolg fort.