Danksagung

Danksagung von Felicitas Hoppe anlässlich der Verleihung des Werner Bergengruen Preises am 7.11. 2105 in Uelzen

Sehr geehrte Damen und Herren der Werner Bergengruen Gesellschaft, verehrte Verwandte des Dichters, liebe Stadt Uelzen, liebe Freunde und Gäste, liebe Familien Siedlatzek und Hoppe, lieber Ulrich!

So schreibt der Dichter:

„Gestern fuhr ich Fische fangen,
Heut bin ich zum Wein gegangen,
– Morgen bin ich tot –
Grüne, goldgeschuppte Fische,
Rote Pfützen auf dem Tische,
Rings um weißes Brot.

Gestern ist es Mai gewesen,
Heute wolln wir Verse lesen,

Morgen wolln wir Schweine stechen,
Würste machen, Äpfel brechen,
Pfundweis alle Bettler stopfen
Und auf pralle Bäuche klopfen,
– Morgen bin ich tot –
Rosen setzen, Ulmen pflanzen,
Schlittenfahren, fastnachtstanzen,
Netze flicken, Lauten rühren,
Häuser bauen, Kriege führen,
Frauen nehmen, Kinder zeugen,
Übermorgen Kniee beugen,
Übermorgen Knechte löhnen,
Übermorgen Gott versöhnen
-Morgen bin ich tot.

Aber heute sind wir in Uelzen und lesen Verse! Und das ist Freude und Ehre; und bringt mich zugleich in Verlegenheit. Denn die Verleihung des Bergengruenpreises, von der ich vor wenigen Monaten im Schweizer Wallis erfuhr, in einer Landschaft, in der ich seit Jahren zu Gast bin und die sich in mehr als nur einer Hinsicht grundlegend von der Lüneburger Heide unterscheidet, die sich nicht, wie das Land der Viertausender, triumphal nach oben hin auftürmt, sondern scheinbar bescheiden in Fläche verwandelt, diese Verleihung also kam für mich überraschend, obwohl mir nichts vertrauter scheint, als die Kindheitslandschaft der Heide und der verführerisch schöne Name des namengebenden Dichters: Bergengruen.

Ich will nicht hinterm Berg halten: Bergengruen ist für mich Nähe und Ferne zugleich: Nähe, denn ich bin mit ihm aufgewachsen; Ferne, weil ich ihn nicht einmal annähernd kenne und weil man heute manchmal schon fast ein Hörrohr braucht, um seine Stimme zur Kenntnis zu nehmen. Ich kenne ihn in erster Linie nicht als Leserin, sondern als kindliche Hörerin eines Botenberichts aus der Zeit und Welt meiner Eltern, die, ihn uns vorlesend, Parolen der lyrischen Art ausgaben, an die ich mich bis heute erinnere, ohne den Wortlaut immer genau überprüft zu haben.

Eine dieser Parolen ist der oben zitierte Fischfang und Weingang, umrankt von Festen und Broten, Versen und Schlitten, von lautem Krieg und schöner Musik, vom Schnee und vom Tod; und vom lieben Gott, mit dem man sich als Kind noch halbwegs versöhnen konnte. Denn mein Zuhause war mehr als bloß Literatur: Texte wurden bei uns nicht nur gelesen, sondern jederzeit auch in die Tat umgesetzt, in echten Fischfang und Weingang, in manchmal lästigen Kirchgang und immer herrliche Feste.

Heute liest sich das Leben eines Mannes, so der Titel des oben zitierten Gedichtes, allerdings etwas anders. Ich bin erwachsen, nicht Mann, sondern Frau, die, anders als Bergengruen, nur als Kind eine Lyrikerin war, und die später, etwas erwachsener, den Mai und den Krieg in Prosa besang, und zwar so:

„Jedes Jahr im Mai kommen die Friseure. Wir möchten Fähnchen schwenken wie sie und Kittel tragen mit demselben Stolz. Wir bewundern ihre langen geschmeidigen Hände und verdrehen gierig die Augen nach den großen Körben, die verheißungsvoll an ihren Armen hängen, gefüllt mit weißen Kaninchen und Eiern, Wein und Gebäck. (…) Zu Neujahr kam die Rasur. Jetzt hielten wir endlich das Messer in Händen am Hals mit der Klinge aus Stahl (…) und schäumten die schmutzigen Bärte ein. Die Gesichter der Kunden waren müde. Träge starrten sie in den Spiegel und fragten nicht lange nach dem Verbleib ihrer Bärte. (…) Aber im Mai marschieren wir ein in die Stadt, den Rucksack gestopft mit Kaninchen und Hühnern. (…) Der Himmel ist blau, und die Mädchen schwenken bunte Fahnen. (…) Wir schlagen lang hin und kugeln ins Gras, als hätten wir nicht begriffen, dass nichts nachwächst. (…)“

So heißt es in Picknick der Friseure, der Titelgeschichte von Hoppes Debüt, in der es, nicht weniger als bei Bergengruen, um Essen und Trinken, um Leben und Tod geht; und es gibt, wenn ich mein Gedächtnis befrage, noch zahlreiche andere Texte, nicht nur von Bergengruen, die in meinem Werk Fuß gefasst haben. Texte schleichen sich ein. Unser Schreiben, nicht weniger unser Leben, ist in erster Linie ein Abschreiben – wir lesen, leben und schreiben, was andere vor uns gelesen, gelebt und geschrieben haben; was nicht heißt, dass wir nicht kleine Abweichungen vornehmen, Seitenstraßen, Sonderwege und Abwege begehen; denn wer von uns wollte nicht eigen sein, neue Pfade beschreiten, die Welt in eigene Worte fassen.

Aber unser Repertoire ist begrenzt. Beim Wiederlesen der Texte von Bergengruen stoße ich auf allzu Bekanntes: Ich stoße auf meine Erinnerung. Auf jene wundersamen Typen, von denen mein Bruder in seiner Rede gesprochen hat und von denen sich nicht wenige in eben jenen Debütband, in das Picknick der Friseure hinübergeschmuggelt haben, darunter, ich zitiere, „fest in ihre Uniformen eingenähte Männer mit Gesichtern ohne Faltenwurf und Stiefeln, die sich wie Handschuhe um die Fersen schmiegen. Aber der Ring an der Hand eines Mannes ist der Ring in der Nase des Bären, sagte mein Großvater der Schneider, der mich in die Welt der Stoffe einführte.“

Nicht nur hier lässt Bergengruens Bärenbraut grüßen. In Kopf und Kragen, einer weiteren Geschichte aus Picknick, will der kriegsversehrte Vater aus seinem Kind einen Tanzbären machen, um auf diese Weise beider Unterhalt zu sichern. Die Sache geht nicht gut aus – das Kind verliert seinen Kopf; aber es gewinnt auch seine Freiheit. Der Preis ist allerdings hoch. Genau wie in der Geschichte Die Hecke, in der drei Kinder vergeblich versuchen, das Haus ihrer Eltern gewinnbringend zu verkaufen und dabei in ihre eigenen Fallen laufen.

Neben Kindern, Tieren und Handwerkern bevölkern auch Ritter und Duellanten die ersten Geschichten von Hoppe und bleiben Bergengruens Rittmeistern auf der Spur. Immer geht es um Abschied und Aufbruch, um den Versuch der Trennung, um die Befreiung von Traditionen und zugleich um den Ehrgeiz, sie neu zu begründen. Dazu müssen sich alle, gleich ob Charakter, ob Typus, immer wieder von vorn auf Reisen begeben. Und begegnen in erster Linie sich selbst, im Refektorium eines Kreuzfahrtschiffes, auf einem Balkon für Frischluftnärrische oder Am Zoll, in einer meiner Lieblingsgeschichten, in der ein sterbender Onkel vergeblich sein Leben zu erzählen versucht.

Das ist kein Zufall. Das Leben eines Menschen (egal ob Mann oder Frau) zu erzählen, gehört zum Schwersten von allem und ist bis heute kaum einem Dichter gelungen, auch dem nicht, der guten Willens ist. Denn nicht der gute Wille macht eine gute Erzählung, sondern der Wille zur Form. Form aber ist Unterwerfung, unter das Prinzip der Gestaltung und der Geschichte. Hier kann man viel von Bergengruen lernen – und trefflich gegen ihn ziehen. Denn Geschichte will sich nicht bilden lassen, die Geschichte entzieht sich, die große genauso wie all die kleinen, um die wir uns täglich aufs Neue streiten.

Wenn ich heute in meinen Texten blättere und versuche, Allianzen zu bilden, scheint mir, Bergengruen hätte unter den Hoppeschen Werken Verbrecher und Versager am liebsten gemocht. Denn wie Bergengruen wildert auch Hoppe frei fabulierend in der Geschichte und bedient sich nach Gusto. Und lässt sich dabei von der idyllischen Sehnsucht nach dem besseren Ende leiten, wohl wissend, dass es kein gutes Ende gibt.

Und doch sind beide, Bergengruen genauso wie Hoppe, wenn es erlaubt ist, das über andere und sich selbst zu sagen, fanatische Anhänger des Happy Ending. Sie wollen die Welt immer anders, als sie nun einmal ist. Sie sind Märchenerzähler. Aber auch Märchen gehen nicht immer gut aus. Die Heiligen singen ein Lied davon und würden, wenn sie denn könnten, sich gegen Hoppe und Bergengruen gleichfalls erheben, die ihre Geschichten so gerne umschreiben; wie Bergengruen in seiner Geschichte von Giorgio und Martino, in der er eine so einfache wie kühne Verwandlung des kämpfenden Ritters Georg in den Almosen gebenden Tröster Martin vornimmt, ich zitiere:

„Es ist gewiss verdienstlich, Drachen zu töten. Dergleichen tut man, wenn man jung ist. (…) Drachenjagd, wissen Sie, ist ein nobler Sport. Wenn man älter wird, meint man, es stehe einem heiligen Reiter am Ende besser an, mit seinem Schwert einen Mantel zu halbieren, um einem frierenden Bettler zur Wärme zu verhelfen.“

So wird der Dichter, der so gern vom Fische Fangen und Schweine Stechen spricht, unvermutet zum Drachenbeschützer, weil er offenbar ahnt, dass das Böse nicht weniger bedürftig ist als das Gute. Aber darf man das Böse beschützen? In Hoppes Ritter und Duellanten heißt es: „Das ist eine ritterliche Tatsache, die hier niemanden interessiert. Niemand möchte an der langen Kette der Erzählung zum Mitleid geführt werden. Niemand möchte ein Tanzbär sein, noch ein Hund, noch möchte er aus der Zeit geworfen werden wie der Fisch aus dem Wasser. Der Haken schmerzt tief hinten im Gaumen. Ich kam in Rüstung auf die Welt und kenne den Zustand der Schwerlosigkeit auch schwimmend im Mutterleib nicht.“

Aber: „Wer schwimmen kann, kommt nur langsamer um“, heißt es bereits in ihrem zweiten Buch, im Seefahrerroman Pigafetta. Auch Bergengruen wusste, dass nur, wer die Planke loslässt, wirklich Aussicht auf Rettung hat. Und der heute morgen bereits erwähnte Christophorus wusste erst recht, dass es allem voran eine Sache des Vertrauens ist, sich als Reisende vom einen ans andere Ufer tragen zu lassen, in anderen Worten: ins Übermorgen, das wir so gern in die Zukunft verschieben.

Vielleicht ist Literatur ja nichts anderes als der Versuch, kurzfristig die Zeit anzuhalten; ein Verschiebebahnhof für unsere Wünsche und Ängste, für unsere Masken und Schwächen, für all das also, was an uns menschlich ist und nicht ideologisch. Das hat übrigens viel mit Humor zu tun. Ein Dichter kann sich vieles aneignen – Humor allerdings nicht. Humor ist, wie Mitleid, ein Geschenk, um nicht zu sagen, fast eine Gnade. Genau wie die Fähigkeit, Feste zu feiern. Weshalb es manchmal gut ist, nicht im Übermorgen zu leben, sondern im Hier und im Jetzt, also heute in Uelzen; und kurz vor Sankt Martin ein paar Verse aus dem Leben einer Frau zu lesen.

Um also mit Hoppe aus Hoppe zu schließen: „Wir wissen doch ganz genau, dass wir ALLE DA sind und was uns Tag für Tag sichtbar macht: die Wurst, der Fuchs, der Tanzboden unter den Füßen. Warum spricht niemand davon, wonach alle sich sehnen: dass wir nicht nur berührt werden wollen, sondern dass wir uns alle danach sehnen, dass endlich einer vorbeikommt, der uns wirklich anfasst.“

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

Hoppe 11/2015 in Uelzen